Auf den ersten, flüchtigen Blick wirken die Bilder von Rhodrick Tayali abstrakt. Doch das sind sie keineswegs. Zumindest in jenem Sinne einer informellen Malerei sind sie nicht als abstrakte Malerei einzuordnen. Tatsächlich handelt es sich bei diesen Arbeiten um Landschaften; und wer sich auf eine intensive Betrachtung einlässt, der spürt durchaus die drückende Gewitterstimmung, oder die Kühle der ruhigen blauen Wasserfläche vor einem dunklen Hintergrund. Er sieht weißlich durchscheinendes mildes Licht oder die rötlich-gelb flirrende Luft in der Hitze über der Landschaft Sambias. Tiefrot wie die festgewalzte Erde auf unseren Tennisplätzen ist der Boden dort, wie auch an anderen Plätzen Afrikas. Rötlich-gelblich flackern auch die Buschfeuer, wenn sie die dunkle Landschaft erleuchten; und die Regenschauer sind so heftig, dass die herabprasselnden Wassermassen sich wie ein dichter halbtransparenter Schleier darbieten, hinter dem die Landschaft in vagem Dunkel verschwimmt.

Rhodrick Tayali malt imaginäre Landschaften. Es sind meditative Bilder, bei deren Anschauung der Betrachter nach einer Weile eine innere Ruhe verspürt, wenn er sich darauf einlässt, in die tieferen Schichten der Bildanlage vorzudringen: Die Farbe ist in mehreren Schichten lasierend übereinander aufgetragen, wobei der Maler oft mit den dunkleren Partien anfängt, und die Farbanlage dann in den nächsten Arbeitsschritten Schicht und Schicht heller und ruhiger wird, und zwar nicht nur formal, sondern auch als Ausdruck einer emotionalen Befindlichkeit, die Tayali während des kontemplativen Malprozesses selbst durchlebt. Das gilt nicht nur für den Entstehungsprozess eines einzelnen Bildes, sondern auch für zeitlich breiter angelegte Werkphasen: Spielt in der Bildatmosphäre früherer Arbeiten noch eine „Zerrissenheit“ eine deutliche Rolle, so kommunizieren die jüngste Bilder (2008/2009) vermehrt eine farblich-formale und damit auch eine mentale Beruhigung.

Die Bilder gewinnen mithin nicht nur in der Farbbehandlung eine Tiefschichtigkeit, sondern auch auf der inhaltlich-semantischen Ebene. Tayali nennt seine Arbeiten Seelenlandschaften. […]

In Rhodrick Tayalis Bildwelt verbindet sich dieser Rekurs auf die kollektiven Archetypen mit den Erinnerungen an die eigene Kindheit. Den in der Terminologie der Psychologie geläufigen Terminus der Introspektion (=Selbstbeobachtung) wandelt er zu Interspektion ab, weil es für ihn  anhand seiner biografischen Umstände und Entwicklung nicht nur einen einzigen Bereich des Seelischen zu beobachten gibt, sondern quasi zwei Seelen, jene mit seinen afrikanischen Wurzeln und jene mit der Prägung durch die europäische Lebenswelt, in der er seit Kindestagen ausgewachsen ist und den größten Teil seines bisherigen Lebens verbracht hat. Die Interspektion ist somit als eine Zwischensicht zu verstehen bzw. als eine Innensicht zweier Welten.

Konkret zeigt sich dies z.B. im doppeldeutigen Zeichencharakter der Farbe Blau, die ein Index sowohl für Wasser als auch für den Nachthimmel ist, den man in Afrika als wesentlich dunkler als in Nord- oder Mitteleuropa erlebt.    

 Rhodrick Tayali konzentriert sich in seiner Malerei oft auf die Modulation einer einzigen Grundfarbe bzw. auf einen engen Frequenzbereich innerhalb des physikalischen Lichtwellenspektrums. Die meisten Bilder seiner Interspektionen-Reihe haben Blau als Basisfarbe. Bei einer Variation dieser Serie in Rot- und Gelbtönen spielen Kalt-Warm-Kontraste eine Rolle: Kaltes Weiß oder Gelb kontrastiert mit warmem Rot oder Ocker. An jenen Stellen, wo Erdigkeit bzw. Festigkeit von (Boden)-Materie verdeutlicht werden soll, ist der Farbauftrag dunkler und pastoser.

Es geht aber in diesen Bildern niemals nur um die Farbe als stoffliche Malsubstanz "an sich", sondern sie ist immer Index oder Repräsentant für etwas – so mag man in manchen der rottönigen Bilder das tiefe Abendrot assoziieren, und zwar nicht nur als eine tageszeitliche atmosphärische Stimmung, sondern dieses Rot steht zugleich für die Wärme und Lebenskraft Afrikas . […]

Kunstkritiker Jürgen Raap: Auszügen aus den Notizen zu den Arbeiten von Rhodrick Tayali. 2009